Von Trauer und Ohrwürmern

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Vor kurzem hatte ich plötzlich eine Liedzeile im Kopf. Nur ein paar Worte. Keine richtige Melodie. Kein ganzer Text. Nur dieser Anfang:

„Standing at the crossroads …“

Es lief immer wieder in mir ab. Blieb diffus. Ließ mich nicht los. Hat mich richtig gewurmt (haha).

Nach ein paar Tagen habe ich danach gesucht. Und ich habe den Song gefunden.

Es war ein Lied, das ich vor über 30 Jahren oft gesungen habe. Damals, ganz am Anfang einer neuen Liebe. Ein Lied, das für eine Zeit in meinem Leben stand, in der etwas gewachsen ist. Verbindung. Hoffnung. Zukunft.

Und als ich es wieder hörte, war sie da. Eine kleine Trauerwelle. Der Schmerz darüber, was nicht mehr ist. Über ein Leben, das einmal meins war. Über eine Liebe, die damals so lebendig war und heute Vergangenheit ist.

Ich bin inzwischen fast fünf Jahre getrennt. Und immer wieder gibt es solche Momente. Früher hätte ich gedacht:

Warum kommt das jetzt wieder?

Bin ich denn immer noch nicht weiter?

Müsste das nicht längst vorbei sein?

Bei dem bleiben, was ist

Heute bleibe ich eher bei dem, was ist. (Und bin froh, das gelernt zu haben.) Ich lasse den Schmerz kommen. Ich spüre ihn. Ich lasse die Tränen laufen, wenn sie kommen. Ich mache daraus kein Problem.

Und dann war diese Welle nach ein paar Minuten wieder vorbei.

Was blieb, war nicht Schmerz. Da war Dankbarkeit. Rührung irgendwie. Für das, was einmal war. Für das, was ich erlebt habe. Für die Liebe, die echt war.

Und da war auch ein Staunen darüber, wie klug manchmal etwas in uns ist. Denn diese Liedzeile passt so sehr zu meiner jetzigen Situation. Ich stehe gerade an einer Art Wegkreuzung. Einiges ist offen. Entscheidungen stehen an. Und ich spüre noch nicht klar, wohin es gehen soll.

Vielleicht kennst du solche Momente auch. Trauer meldet sich oft nicht dann, wenn wir sie erwarten. Sie kommt über ein Lied. Einen Geruch. Einen Satz. Einen Ort. Ein Bild. Manchmal über etwas, das lange verschüttet war.

Und vielleicht geht es dann gar nicht darum, sofort zu verstehen, warum sie gerade kommt. Vielleicht reicht es erst einmal, sie wahrzunehmen.

Da ist etwas in mir berührt. Da ist etwas, das erinnert. Da ist etwas, das noch einmal liebevoll gesehen werden will.

Trauer als Zeichen von Verbindung

Für mich ist genau das ein Teil dessen, was ich mit Trauer meine:

Trauer ist kein Rückschritt. Sie ist ein Zeichen von Verbindung. Sie zeigt, dass etwas Bedeutung hatte.

Und manchmal bringt sie sogar etwas mit. Eine Spur. Einen Hinweis. Eine neue Deutung.

Dieses Lied, das früher für eine wachsende Liebe zu einem anderen Menschen stand, klingt heute anders in mir. Heute höre ich darin eher die Frage:

Wie kann ich die Liebe zu mir selbst weiter wachsen lassen? Zu meinem Leben, so wie es jetzt ist? Zu dem Weg, der sich noch nicht ganz zeigt?

Vielleicht ist das einer der stillen Wandlungsprozesse in der Trauer. Dass wir nicht alles verlieren, was war. Dass etwas davon in uns weiterlebt. Und dass daraus irgendwann auch etwas Neues wachsen darf. Ganz langsam. In unserem Tempo. Mit allem, was dazugehört.

Schreib mir gerne: Von deinen Ohrwürmern. Oder Trauerwellen-Auslösern.

Ich freue mich, von dir zu hören.

Herzlich

Andrea

Übrigens: Der Song, von dem ich schreibe, ist von Eric Clapton. Ich habe ihn bei Spotify gefunden. Wenn du mal reinhören willst – hier ein Link zu Spotify:

PS: Diesen Text habe ich ursprünglich in meinen 14-tägigen, natürlich kostenlosen Newsletter verschickt. Hier kannst du ihn abonnieren:

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